Linsmayers Kritik
Das Berner Comeback einer grossen Schauspielerin
Viola Rohners «Seltene Stoffe» im Theater an der Effingerstrasse
![]() |
Charles Linsmayer Publiziert am 23. Februar 2026 um 08:00 Uhr |
Von Anfang an könnte man die Stimmung als «humorig» bezeichnen. Das altertümliche Entrée einer alten Villa mit Stilmöbeln, eine schlafende alte Frau in einem bieder-vornehm-sein-wollenden Kostüm, und dann klingelt es, und sie spricht durch eine Art Funkgerät nach der Türe hin: «Es ist offen». Die Dame ist die Witwe eines vor 14 Jahren verstorbenen reichen Rohstoffhändlers namens Mächler, und die beiden Besucher, eine Polizistin und ihr Assistent, sind auf der Suche nach Spuren des Sohnes des Verewigten, der mit einer Freundin zusammen einen Raubüberfall auf eine Bank verübt haben soll. Einen Haftbefehl vorweisend, verwickeln die beiden Ermittler die alte Dame in ein endloses Kreuzverhör und schleppen zugleich alle möglichen Ingredienzien des Reichtums – vom Golfbag bis zu Pelzen und Kisten voller exotischer Souvenirs– ins Entrée, um alles auf eine pseudowissenschaftliche Methode nach Spuren der zwei Vermissten zu untersuchen.
Ein Film bringt Überraschendes zutage
Anhand von Ferienfilmen «erforschen» die beiden Spurensucher auch die Familiengeschichte der Mächlers und stossen dabei auf den Umstand, dass Frau Mächler eine illegitime Tochter hatte und der Polizeiassistent über sie weitläufig mit der Rohstoffhändlerdynastie verwandt ist. Weshalb seine Chefin, die, wie sich im Laufe des Abends herausstellt, von ihm schwanger ist, auf einmal das Interesse an der Aufklärung des Falls verliert, fast etwas wie Mitleid mit der reichen Witwe empfindet und mit ihrem Kumpan zusammen das Weite sucht, während, um der politischen Brisanz des Themas Rohstoffhandel und schmutziges Geld doch noch einen Zacken zuzufügen, die alte Dame sich vor dem Gemälde ihres Gatten, eine Geldkassette in der Hand, fragt, ob sie wohl mittels Bestechung wieder aus der Bredouille herauskäme.
Eine kriminelle Fehlspekulation
Fabienne Trüssel als Polizistin tritt zunächst zynisch-herablassend auf die Industriellen-Witwe zu, voller Verachtung für deren Reichtum und in der Gewissheit, Sensationelles aufdecken zu können. Als sich die Lage dann in eine ganz andere Richtung entwickelt, wird sie zur fürsorglichen angehenden Mutter eines Kindes, wandelt sich mittels des Fundus des Hauses von der waffenstarrenden Amtsperson zur jungen Mutter im Blümchenrock und verlässt den Schauplatz nicht als Siegerin, sondern als Initiantin einer etwas peinlichen Fehlspekulation. Aron Frederik Defant spielt den Assistenten naiv und vorlaut und präsentiert auf lustige Weise die Karikatur eines restlos überforderten Ordnungshüters, der überhaupt nicht weiss, was er eigentlich tun soll.
Gut gemeinte Politsatire
Natürlich, in dem Stück, das nach einem furiosen Einstieg etwas Längen aufweist und in seiner erzählerischen Logik nicht so ganz überzeugen will, möchte die Autorin, die 64-jährige Psychologin und Theaterwissenschaftlerin Viola Rohner aus Zürich, am Beispiel des durch den Rohstoffhandel verdienten schmutzigen Geldes und der Wegwerfproduktion der Industrie zum Umdenken bewegen und hat denn auch für das Programmheft zu Protokoll gegeben, dass sie sich wünscht, dass wir alle «entschlossen für die Einhaltung von Umwelt-, Menschenrechts- und Völkerrechtsstandards» einstehen. Reto Lang, der «Seltene Stoffe» für das Stadttheater Langenthal und das Theater an der Effingerstrasse inszeniert hat, tut sein Bestes, um dieses Thema nicht allzu aufdringlich hervorzuheben und weiss die Aufführung mit vielen humorvollen Einlagen und Einfällen – etwa dem ständigen Verzehr von Essiggurken – zu etwas Belustigend-Unterhaltsamem zu machen. Vor allem aber hat er aus Langenthal die Leiterin des «Theaters über Land», die von ihrer Zeit beim Stadttheater Bern noch vielen in bester Erinnerung stehende Marlise Fischer, in der Rolle der reichen Witwe Mächler nach Bern zurückgebracht.
Marlise Fischer in einer Glanzrolle
Und sie ist denn auch das Ereignis dieser Theateraufführung, ja der Grund, warum man ihren Besuch auf keinen Fall verpassen sollte. Da ist nur schon mal ihre Sprache, ihre Diktion, die Art und Weise, wie sie ihren Part mit Leben erfüllt! Kein Wort geht da verloren, keines, das nicht deutlich und klar ausgesprochen, mit Mimik und Gestik untermalt, zum Treffer würde. Das Stück mag weit weg von vielem liegen, was auf der Bühne Erfolg hat, aber mit ihrer Interpretation macht Marlise Fischer es zu Literatur, hebt sie es zeitweise in die Sphäre der grossen, unvergesslichen Theatermomente hinauf! Etwa da, wo sie, in Paradekostüm und Riesenhut, vorführt, wie sie auf dem Golfplatz mit allen Künsten einer Diva einen Staatspräsidenten soweit bringt, dass sie alles von ihm haben kann: «Palladium, Gold, egal was. Und das zu einem Spottpreis!» Oder wenn sie erzählt, wie sie in Santiago einen chilenischen Regierungsbeamten beim Cha-Cha-Cha mit tänzerischer Geschmeidigkeit und Sex Appeal soweit brachte, dass er sie privat treffen wollte «und die Aktienkurse unseres Unternehmens durch die Decke gingen».
Standpauke gegen die woke Verlogenheit
Oder wenn ausgerechnet sie in der Rolle der verachteten Grosskapitalistin der woken Verlogenheit an den Karren geht: «Ihre Generation geht mit Transparenten auf die Strasse wegen der Umweltzerstörung, aber sie wirft alles weg, was noch funktioniert. Kaufen und wegschmeissen, ihr seid ganz besessen davon. Der Zusammenhang interessiert euch nicht. Das Woher, das Wie, das Warum!» Marlise Fischer ist in allen Varianten ihrer Rolle voll präsent, und das Triumphierende, Herablassende vom Anfang, als sie denkt, die beiden Ermittler kurz abfertigen zu können, wird ebenso zu ihrem Element wie die Verzweiflung, ja die Depression, die sie am Schluss erfasst, als die Ermittler per Zufall darauf stossen, dass sie sich die Schuld am Tod ihrer 15-jährigen Tochter zuschreibt, die sie dem Erhalt ihres Reichtums geopfert hat. Einmal die glanzvolle Dame von Welt, einmal die Tragödin in ihrer dunkelsten Stunde: beides im gleichen Stück und am gleichen Abend!
Jedenfalls ist dieses Berner Comeback von Marlise Fischer ein Ereignis, das man miterlebt haben muss und das einen nur wünschen lässt, dass es kein Einzelfall bleibt und die grosse Schauspielerin auch noch in weiteren Rollen in der Bundesstadt zu sehen sein wird.

Charles Linsmayer
Charles Linsmayer ist einer der profiliertesten Schweizer Literatur- und Theaterkritiker. Seit Jahrzehnten prägt er die kulturelle Landschaft mit präzisen Analysen, fundiertem Wissen und einer unverkennbaren Leidenschaft für Sprache und Bühne. Als Autor, Herausgeber und Vermittler öffnet er neue Perspektiven auf klassische wie zeitgenössische Werke und macht komplexe Zusammenhänge zugänglich. Mit seinem feinen Gespür für Dramaturgie und Kontext schafft Linsmayer Orientierung in einer vielfältigen Theaterwelt und inspiriert Publikum wie Fachwelt gleichermassen.
