Linsmayers Kritik

Kristallzucker auf Schusswunden

Zum Saisonabschluss inszeniert Stefan Meier Jule Ronstedts Stück «Furchtlos durch den Alltag» als einen begeistert aufgenommenen Publikumshit

Charles Linsmayer
Publiziert am 8. Juni 2026 um 08:00 Uhr

Judith Seithers Begrüssung auf Berndeutsch wollte nicht so recht klappen. «Bi halt ä Tütschi», entschuldigte sie sich. Achtzig Minuten später, nach einem Soloparcours an schauspielerischem Können, scheinbar zufälliger Spontaneität und einer Präsenz zwischen virtuoser Chargierung und persönlicher Betroffenheit hatte sie das begeistert applaudierende Publikum restlos für sich gewonnen.

Boulevard – glanzvoll inszeniert

Stückvorlage ist ein Monodrama der deutschen Autorin Jule Ronstedt, die psychologische Texte der Kolumnistin Mariana Leky unter dem Titel «Furchtlos durch den Alltag» mit Verhaltensregeln bei drohenden Gefahren zu einem «Survival-Abend» kombiniert hat: ein Drehbuch, das im Münchner Drei Masken Verlag erschienen ist, in seiner Auswahl etwas zufällig wirkt und einen ziemlich boulevardesken Eindruck macht. Was man allerdings bald einmal vergisst, wenn einem klar wird, was Regisseur Stefan Meier mit der dafür bestens geeigneten Judith Seither und einem brillanten Team in Sachen Bühne (Peter Aeschbacher), Licht (Stefan Meier, Claudia Pfitzenmaier) , und Technik (Clauda Pfitzenmaier und Anouk Riboni) – welch letzterer vor allem die für die Handlung wichtigen grossen Abbildungen hinter der Bühne zu danken sind – daraus gemacht hat.

Pfiffige Zugaben und originelle Umsetzungen

Heisst es im Text etwa beiläufig, zu dem Menschen, die eine ganz andere Haltung zur Angst entwickelt hätten, gehörten «zum Beispiel die Buddhisten», so verwandelt sich die Schauspielerin, in die entsprechende Pose gerückt, mit einem Tuch in der Farbe des buddhistischen «mittleren Wegs» in einen betenden Mönch. Aber auch die vom Drehbuch vorgegebenen Beispiele für Gefahren und die Massnahmen, die dagegen ergriffen werden sollen, werden jedes für sich so gekonnt und humorvoll in Szene gesetzt, dass man bald einmal vergisst, wie wenig charakteristisch sie angesichts der tatsächlich für viele Menschen virulenten Gefahren wie Hunger, Kriege, Herzschlag, Aids, Covid 19, Krebs, Ertrinken, Überschwemmungen, Bergstürze oder Brände eigentlich sind.

Vom abstürzenden Lift zur Notwasserung eines Flugzeugs

So werden die Vorkehren zum Überleben in einem vom sechsten Stock in den Keller stürzenden Lift zu einem hoch dramatischen Spektakel, macht die Survival-Expertin aus dem Gestell, das zunächst als Lift gedient hat, so plastisch glaubhaft ein ins Meer stürzendes Flugzeug, dass man ihr die Aufforderung «Verlassen sie das brennende Flugzeug» fast schon als ebenso leicht umsetzbar wie «Bitte schnallen Sie sich an» abnimmt. Wenn es um den Umgang mit einem durch einen Unfall abgetrenntes Körperteil geht, ermahnt sie einen nicht nur, es in einem Plastiksack gekühlt aufzubewahren, sondern füllt auch gleich selbst eine täuschend echte abgeschnittene Hand in eine Tüte mit Eiswürfeln. Bekommt jemand in einer Schiesserei, die natürlich bumm, bumm realitätsnah vorgespielt wird, eine Schusswunde ab, ist es immer gut Kristallzucker dabei zu haben, nichts ist besser, um das Blut damit zu stillen.

Vom Umgang mit Krokodilen

Am köstlichsten aber ist gegen Schluss der Vorstellung die Szene umgesetzt, wenn es darum geht, wie man sich vor einem angriffigen Alligator in Sicherheit bringt. Da soll man auf den Rücken des Ungetüms klettern und ihm die Augen zuhalten: «Das macht ihn gewöhnlich ruhiger!» «Stecken Sie bereits im Alligator und wollen eines ihrer Gliedmassen wieder aus dem Maul herausziehen, klopfen Sie dem Tier auf die Schnauze. Alligatoren öffnen dann meist ihr Maul!». Auch das wird natürlich nicht einfach als Überlebensregel zum Besten gegeben, sondern zur Gaudi des Publikums anhand eines aufblasbaren Riesenspielzeugs «real» vorgeführt.

Verbindende Spielszenen

Den belustigend-surrealen Vorführungen stehen aber Szenen gegenüber, in denen die Schauspielerin ihre Fähigkeit, verschiedene Rollen nebeneinander zu stellen, virtuos vorführt. Etwa in den Gesprächen mit dem überängstlichen Herrn Pohl, die über den ganzen Abend verteilt sind und etwas wie eine Leitmotiv-Funktion ausüben. Oder in der Liebesgeschichte der Frau Wiese, die sich im Tram in einen Herrn Schnepp, Schneppi genannt, verliebt hat, sich aber erst stockbetrunken zu einer Liebeserklärung durchringen kann. Bis Schneppi in eine andere Stadt gezogen ist, und sie sich nicht entscheiden kann, ob sie ihm nachreisen will. Als grausiges Symbol für diese Entscheidungsunfähigkeit erscheint im Hintergrund riesig der Gurkenkönig aus dem Kinderbuch von Christine Nöstlinger. Frau Wiese schiesst auf ihn und er lacht sich tot.

So unterhaltsam kann Theater sein

Eines steht fest: Stefan Meier und seine hinreissende Protagonistin haben zum Saison-Abschluss im Theater an der Effingerstrasse aus einer wenig versprechenden Vorlage einen Theaterabend gemacht, der nicht auf seinen Tiefsinn hin befragt werden sollte, aber in Sachen Vergnügen und Unterhaltung wieder einmal ganz wunderbar zeigt, was Theater, live gespieltes Theater, in seiner Unmittelbarkeit, Atmosphäre und Publikumsnähe vollbringen kann, wenn rundum echte Profis am Werk sind.

Charles Linsmayer

Charles Linsmayer ist einer der profiliertesten Schweizer Literatur- und Theaterkritiker. Seit Jahrzehnten prägt er die kulturelle Landschaft mit präzisen Analysen, fundiertem Wissen und einer unverkennbaren Leidenschaft für Sprache und Bühne.

linsmayer.ch

Furchtlos durch den Alltag: Stückinfos und Reservation