Linsmayers Kritik
Heimweh nach dem Traurigsein
In der Regie von Annina Dullin macht Heidi Maria Glössner im Theater an der Effingerstrasse aus Simon Stephens Tschechov-Adaption «Vanya» einen berührenden Theaterabend
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Charles Linsmayer Publiziert am 24. August 2026 um 08:00 Uhr |
Eines der grossen Stücke der Weltliteratur
Als eine sanfte Beschwörung der Endzeit und der Resignation gehört Tschechovs «Onkel Vanja», uraufgeführt 1899, im letzten Jahr des 19.Jahrhunderts, zu jenen Stücken, die man, als das Theater noch eine selbstverständliche bürgerliche Kultureinrichtung war, gesehen haben musste. Auf einem russischen Landgut, das in lethargischer Monotonie das aufwändige Stadtleben eines Professors finanziert, kommt es zum Eklat, als der urbane Profiteur das Anwesen verkaufen will und Ivan Petrovitsch, genannt Onkel Vanja, der zusammen mit seiner Nichte Sonja um dessen Weiterbestand ringt, drei Schüsse abgibt: zwei auf den Professor, den er als nichtsnutzigen Blender entlarvt, einen auf sich selbst, weil er erkennt, dass sein ganzes Leben ohne Sinn war. Die Schüsse gehen allesamt fehl, und Michael Astrov, dem Arzt der Familie, gelingt es, den Professor zur Abreise zu bewegen, so dass am Ende das sinn- und zwecklose Leben auf dem Landgut wie zuvor weitergeht.
Reduktion auf eine einzige Rolle
Im Theater an der Effingerstrasse ist aber nicht Tschechovs Stück zu sehen, sondern Simon Stephens Adaption «Vanya» aus dem Jahre 2024, in dem die acht Rollen auf eine einzige reduziert werden. Oliver Mommsen spielte sie bei der deutschen Erstaufführung im Berliner Ensemble so, dass die einzelnen Figuren sich durch Kleidung und Accessoires unterscheiden: Gutsverwalter Vanya trägt einen Bademantel, Gutsherr Alexander hat einen Stock, dessen junge Frau Helena einen Fächer, Michael eine Arzttasche, Liam, der Säufer, liegt unterm Tisch, und nur Sonja, die in Michael verliebt ist, kommt ohne Requisit aus. Damit konnte sich Heidi Maria Glössner, die für die Aufführung an der Effingerstrasse vorgesehen war, nicht abfinden. «Mir kam», erzählte sie mir, «der schnelle Wechsel in den Dialogen mit dauernder Veränderung des Äusseren wie ein ,Chaschperlitheater’ vor. Natürlich ist das ein artistisches Fressen für einen Komödianten, lenkt aber total vom berührenden Inhalt des Stückes ab.»
Sprachliche Differenzierung statt Komödiantik
Zusammen mit der Regisseurin Annina Dullin fand sie daher die Lösung, sich nicht mit dem Körper oder Requisiten in die Figuren hineinzufühlen, «sondern rein mit der Sprache». «Ich habe grosse Freude daran, weil so der Inhalt des Textes die Hauptrolle spielt und nicht die Komödiantik der Darstellerin. Ich stelle mich gerne in den Dienst einer Sache, eines Textes, weil ich diesen wichtiger finde als mein ,Showtalent’.»
Die Aufführung, die am Samstag, dem 22.August 2026, erstmals zu sehen war, unterscheidet sich auch sonst stark von einer klassischen Theateraufführung. Heidi Maria Glössner, in einem neutralen eleganten Hosenkleid, beginnt den Auftritt schon im Zuschauerraum, feiert das dreissigjährige Jubiläum des Theaters an der Effingerstrasse und erzählt dann auf der Bühne von den Besonderheiten des Stücks. Wie im Vorspann eines russischen Romans listet sie zunächst die Figuren des Stücks und deren Besonderheiten auf, ehe sie sich an ein Tischchen setzt, den Auftritt der Gouvernante Maureen – bei Tschechov Marina – und des Arztes Michael ankündigt, um dann den Dialog der zwei Personen vorzutragen. Treten neue Figuren auf, drückt sie auf eine Taste auf einem undefinierbaren Gerät vor sich auf dem Tisch, was einen Klang auslöst, wie wenn jemand einen Laden betritt.

Der Text entwickelt eine hinreissende Eigendynamik
Sie verändert die Stimme nur unmerklich, vermeidet jedes Karikieren, und es ist allein schon eine unglaubliche Leistung, wie Heidi Maria Glössner mit einem Minimum an Gestik, aber viel stimmlicher Variationskunst, wechselnder Emphase, zwischen normalem Gesprächston, leidenschaftlicher Aufwallung und spürbarer Betroffenheit hin- und herwechselnd, während anderthalb Stunden diese acht Figuren mit- und gegeneinander akustisch in Szene setzt. Dass es dabei Momente gibt, in denen es schwierig ist zu erkennen, wer gerade spricht, versteht sich von selbst, aber der dramatische «Speech» entwickelt insgesamt eine hinreissende Eigendynamik, in der die wesentlichen Elemente von Tschechovs Theaterstück durchaus fühlbar werden: der endlose Leerlauf eines sinnlosen Daseins, das Zermürbende des Gefesseltseins in einer Welt, aus der es keine Fluchtmöglichkeit mehr gibt, die hilflosen Versuche, mittels Leidenschaften aus der tödlichen Lethargie auszubrechen. Herausragend sind dabei das vergebliche Ringen Onkel Vanjas um Helena, die junge Frau Professor Alexanders, die Angst des letzteren vor Alter und Tod, vor allem aber die unerwiderte Liebe Sonjas zum Arzt Michael Astrov und dessen Kampf gegen das Waldsterben, das der Aufführung nicht zuletzt auch eine ökologische Aktualität vermittelt.
Bewegendes Finale mit Hildegard Knef
Sonja ist es dann auch, der, wie in Tschechovs Original, die letzten Worte überlassen sind, Worte, die der vergeblichen Hoffnung auf einen Ausbruch aus der totalen Sinnlosigkeit Ausdruck geben. Mit hilflosen Versprechungen wie «Und dann blicken wir darauf zurück, wie unglücklich wir jetzt sind, und wir werden lächeln und wir werden lachen. Und wir werden verstehen, dass unser Leben still war, sanft, süss wie eine Berührung.» Da aber, bei diesem fast unerträglichen Schluss, weicht die Berner Fassung des Stücks vom Original ab und geht Heidi Maria Glössner mit den Worten von Hildegard Knef fast unmerklich in einen Gesang über: «Wenn ich mir was wünschen dürfte, möcht' ich etwas glücklich sein. Denn wenn ich gar zu glücklich wär, hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein.»
Das Premierenpublikum erhob sich nicht von den Sitzen vor Begeisterung. Aber in seinem lang anhaltenden Applaus war eine tiefe Betroffenheit über ein bewegendes Stück Theaterliteratur und eine uneingeschränkte Bewunderung für eine grossartige Schauspielerin zu spüren.
Charles Linsmayer
Charles Linsmayer ist einer der profiliertesten Schweizer Literatur- und Theaterkritiker. Seit Jahrzehnten prägt er die kulturelle Landschaft mit präzisen Analysen, fundiertem Wissen und einer unverkennbaren Leidenschaft für Sprache und Bühne.
